Dienstag, 21. Oktober 2014

Frankfurter Sperma

Ich gehe jede Wette ein, dass nicht einmal dem Großteil der Sachsenhäuser bewusst ist, dass den Schweizer Platz eine überdimensionale Spermaskulptur ziert. Ist aber wirklich so. Wie hier berichtet wird, stand der Spermatit ursprünglich am Mainufer, heutzutage ist er vor der Deutschen Bank zu sehen. 
Hach, ich mag den Frankfurter Humor.




Montag, 20. Oktober 2014

Kurzgeschichten + Frankfurt

Gibt's auch in dieser Kombination, jawoll!

Da hätten wir:

Student Anthology: Auf der Facebookseite steht bisher noch nichts Neues, aber für gewöhnlich bringen Studenten der Gebiete Amerikanistik und Anglistik einmal im Jahr die Student Anthology mit Kurzgeschichten und Gedichten heraus. Natürlich können auch Sudierende, die in anderen Fachbereiche sind, daran teilnehmen. Ist allerdings logischerweise auf Englisch.

Turmgeschichten AG: Noch bis zum 3. November habt ihr Zeit, Kurzgeschichten, Anekdoten, Essays oder wissenschaftliche Aufsätze über den AfE-Turm (Titel: "Meine Geschichte mit dem Turm") einzureichen. Die drei besten Beiträge werden mit 200, 100 und 50 € belohnt, außerdem soll ein Sammelband erscheinen. Die Länge ist beliebig, Einsendungen als .doc oder .pdf bitte an ruokonen-engler@soz.uni-frankfurt.de

Johnny: Und erneut die Goethe-Universität: An der zweiten Ausgabe der Zeitschrift mit dem semi-originellen Namen wird derzeit gearbeitet, Thema dieses Mal ist "Wendepunkte". Am 22. und 27.10. werden (mit Voranmeldung) Workshops im Kreativen Schreiben angeboten.

Mainbook: Der kleine Bockenheimer Verlag plant, ein Buch mit Texten über Bockenheim herauszubringen, Auflagen: Bockenheim muss thematisiert werden (klar) und die Länge der Texte sollte 2500 Wörter nicht überschreiten. Davon abgesehen ist das Genre frei wählbar! Zusendungen bis zum 31. Januar 2015.



...und dann gab's noch diese Literaturzeitschriften.

Donnerstag, 16. Oktober 2014

Samstag, 4. Oktober 2014

Clubkeller, die Zweite

Da haben ptrk9000 und ich doch eine Diskussion vom Zaun getreten. Wen's interessiert, so ging es weiter:

Was soll ich sagen? Vielen wird eine Funzel aufgehen, wenn ich schreibe: Am Ende landeten wir im Clubkeller. Warum nur? Warscheinlich, weil man dort das Monopol des frühmorgendlichen Getränkeausschanks innehat, der letzte Zapfhahn vor dem Dunkel des Heimwegs. Ich unterstelle auch einmal, dass man nicht in Erwartung eines dedizierten Afterhoursets die steile Treppe herunterfällt, sondern einfach nur der Gleichung ohnhinfällt: Musik = Getränkeausschank.
Schön und gut. Was mich nur nachhaltig geärgert hatte, war die Tatsache, dass wir für das eine Getränk teuer bezahlen mussten, nämlich den vollen Eintrittspreis, was um kurz nach 5 Uhr einen schalen Nachgeschmack hinterlässt. Da half kein Feilschen und kein freundliches Nachfragen, wer Kafkas „Vor dem Gesetz“ kennt, wird wissen, was ich meine. Nun gut, wieder etwas dazugelernt.

Quelle: Je tiefer die Nacht...

Desweiteren schreibt besagter Kolumnist in Facebook dazu, "Und ich war in der Beschreibung sehr freundlich, zurückhaltend und nahezu kuschelig, eben so, wie man mich kennt."


Nun kam die Reaktion des Clubkellers, gepostet ebenfalls in Facebook:

Hallo zusammen,
ich bin erstaunt, daß eine kleine Änderung bei uns solche Reaktionen hervorruft. Wir haben unsere Eintrittspolitik der Situation bei uns im Club und dem veränderten Ausgehverhalten angepaßt. Der Clubkeller ist der späte Nachtclub in Sachsenhausen und 5 Uhr ist bei uns längst nicht mehr kurz vor Schluß, denn der Laden läuft immer bis 7 oder 8 Uhr.
Das Geschehen hat sich zeitlich verlagert, darauf wurde reagiert und teuer ist der Clubkeller nach wie vor nicht. Die Tür läßt gg. Ende der Nacht wie immer mit sich reden, aber eben nicht mehr so früh, mitten in der Nacht. Und bisher hatten wir an der Tür fast keine negative Resonanz.
Seid doch froh, daß es immer noch einen lustigen Nachtladen gibt um die Ecke und daß wir im Frankfurter Nachtleben nach wie vor mit moderaten Eintritts- und Getränkepreisen arbeiten. Das sieht in München, Paris oder London ganz anders aus.
Zur anderen Kritik:
- wir sind und waren nie der Treffpunkt für Alternative und Metaller, das ist und bleibt das CAVE! Ein nach wie vor sehr geiler Schuppen, wie der Clubkeller in die Jahre gekommen, aber immer noch geil. Leider aber wieder voll verraucht.
- In unserem Raucherbereich wurde die Lüftung renoviert, cool tapeziert, neue Lampen und eine Bar eingebaut. Meines Wissens frankfurtweit die Einzige in einem solch kleinen Räumchen, damit die Raucher es gemütlicher haben. Neue Sitzbänke kommen noch dieses Jahr, dann ist das ein hübsches Kabuff m. schummrigem Ambiente und eigener Bar nur für Raucher!
- unsere stets gewartete Bierkühlung funktioniert tadellos, wir haben die besten deutschen Biere und unser Mexikaner erfreut sich größter Beliebtheit.
[...]
Veränderungen wird es leider immer wieder geben, denn auch der gute alte Clubkeller muß dynamisch bleiben. Die Erde dreht sich jeden Tag.
Ein schönes und langes Nachtleben wünsche ich.
Grüßle Andi König.

Da ich kein "Facebook-Freund" des Clubkellers bin und meine Freundschaftsanfrage zwecks Stellungsnahme noch nicht akzeptiert wurde, tue ich das halt hier:


Hallo Andi,

„dynamisch“ ist ein netter Euphemismus für latente Abzocke. Auch wenn der Clubkeller von mir aus noch zwei weitere Stunden geöffnet hat, empfinde ich diesen Eintrittspreis um diese Uhrzeit als absolut ungerechtfertigt – von einem Laden, der mir sympathisch ist und nicht Living o.ä. heißt, habe ich mir anderes erhofft. Ich habe am Tag drauf genug Leute zu ihrer Meinung befragt, alle waren einstimmig meiner Meinung, also kann ich (und ich rede hier nur für mich, Herr Ptrk wird sich garantiert noch äußern) zumindest das behaupten: Mit meiner Einschätzung, dass diese Politik daneben ist, stehe ich nicht gänzlich alleine da. Für mich ist die Konsequenz, einfach nicht mehr zu kommen (oder halt früher, klar, aber auch das werde ich mir überlegen).
Zum Rest: Das mit dem Raucherraum etc. war keine Kritik (nur der Mexikaner ist echt nicht der Knüller, seien wir ehrlich), sondern im Gegenteil meine subjektive Wahrnehmenung des Clubkellers und eine etwas verquere Liebeserklärung die zeigen soll, dass ich die Unvollkommenheit ja eigentlich sehr zu schätzen weiß. Die Formulierung „Alternative und Metaller“ zu korrigieren, ist ein bisschen korinthenkackerisch – davon abgesehen, wie nennst du die Leute sonst? Hipster? Ist ja auch wurscht. Will sagen: Eigentlich mag ich den Clubkeller. Und deswegen war ich umso enttäuschter und habe meinem Unmut auch kundgetan. Dass wir beide in dieser Hinsicht nicht einer Meinung sind, war schon im vorneherein klar.

Liebe Grüße,
Isabella


PS: Hiermit hat sich für mich die Diskussion auch erledigt.

Freitag, 3. Oktober 2014

Lieber Clubkeller, es geht ums Prinzip.

Lieber Clubkeller,

wir müssen reden. Wir kennen uns nun seit vielen, vielen Jahren in denen wir in sehr unregelmäßigen Abständen immer wieder das Vergnügen miteinander haben. Lieber Clubkeller, eigentlich mögen wir uns.

Lieber Clubkeller, du hast eine der steilsten, knochenbrecherischten Treppen der Stadt, du bist so schön rot und kellerig und dein Raucher"raum" (oder, lieber Clubkeller, seien wir ehrlich: Kabuff) ist der wohl zugequalmteste Frankfurts. Lieber Clubkeller, du hast einen unglaublich unoriginellen Namen, dein Bier ist warm und deine Mexikaner sind plörrig, du spielst immer die gleiche Musik und manchmal, lieber Clubkeller, tropft eine undefinierbare Flüssigkeit von den Heizungsrohren an der Decke. Wir beide verstehen uns gut, lieber Clubkeller.

Aber da gibt es eine Sache, über die wir reden müssen. Du bist ein Treffpunkt für Alternative und Metaller, für Leute, die "anders" sind und auch du, lieber Clubkeller, bist anders. Du bist anders, weil andere Clubs ab einer gewissen Uhrzeit ihre neuen Gäste umsonst hineinbitten oder zumindest zu einem ermäßigten Preis. Natürlich ist die Definition von "gewisser Uhrzeit" weit dehnbar, aber, lieber Clubkeller, wir sind bestimmt der gleichen Meinung, wenn wir sagen, dass nach fünf Uhr morgens diese Zeit durchaus längst erreicht ist. Du, lieber Clubkeller, verlangst auch dann noch den vollen Eintrittspreis, also zu zweit zehn Euro, keine fünf, nicht mal acht, nein, es sind zehn Euro, ohne Handeln, ohne Kompromisse. Es geht nicht um die Höhe des Eintrittes, es geht ums Prinzip, lieber Clubkeller. Denn: Um diese Uhrzeit ist die Party vorbei, es tanzt eh keiner mehr, das soziale Leben spielt sich in eben erwähntem Kabuff ab oder rund um den Zapfhahn. Wenn man nun nach fünf Uhr morgens in Sachsenhausen noch ein Bier trinken möchte, lieber Clubkeller, bist du die einzige Anlaufstelle. Das bedeutet aber, dass das Bier seinen eigenen Preis plus fünf Euro Eintrittsgeld kostet. Ganz schön happig, findest du nicht, lieber Clubkeller? Trotz deines Status' als "Underground"-Club verhältst du dich erschreckend kapitalistisch, denn du weißt, lieber Clubkeller, dass du die Monopolstellung in Sachen Bierausschank um diese Uhrzeit in Dribbdebach hast. Außer dir gibt es noch ein paar Psst!-Kneipen in Altsachs, in denen die Rollläden runtergelassen und eine Stunde nur geflüstert wird, aber wer will da schon hin? Also, lieber Clubkeller, hast du die Macht. Und die nutzt du schamlos aus.

Darüber, lieber Clubkeller, müssen wir uns mal in Ruhe unterhalten.

Donnerstag, 2. Oktober 2014

"Wir machen Frankfurt": Filmdoku über das Frankfurter Nachtleben

Noch ist nicht viel bekannt, nur soviel laut Facebook:

VARVANI gmbh & HASSAN ANNOURI
hatten die Idee eines Films über die Menschen, die das Frankfurter Nachtleben gestalten und prägen, die es zu dem machen, was es ist. Welche Persönlichkeiten und Charaktere stecken hinter den Kulissen, die Frankfurt und sein Nachtleben so kontrastreich und bunt machen?
Dieser Film gibt eine Antwort darauf. VARVANI begleitet Hassan Annouri auf einem Streifzug durch die Stadt, zu Gast und zu Besuch bei 20 Größen dieser Stadt, in ihren heiligen Hallen. Mit dem Blick auf die Stadt, mal von der anderen Seite des Tresen, erzählen sie von sich und dem geheimnisvollen Besonderen der Frankfurter Szene.
„Wir Machen Frankfurt“ ist ein Tribut an alle diese kreativen Menschen in Frankfurt, die unsere Stadt so verzaubern und unserem Nachtleben den Raum geben.
Hassan :
„Ich verbinde die aus meiner Sicht bedeutendsten Macher dieser Stadt in einem Film.“
Mehdi Varvani:
„Frankfurt. Die Zukunft. Im Jetzt.“

Na dann.


Was ist eigentlich aus dem witzigen Frankfurt Testosteron geworden?

Dienstag, 23. September 2014

Was ich las


Harkaitz Cano - Twist

Es passiert selten, dass mich ein Roman überzeugt, von dem ich es nicht schon vorher erwartet habe (wie bei Franzen zum Beispiel). Bei Harkaitz Cano war das der Fall. Das Buch wurde mir in einer Buchhandlung in Barcelona in die Hand gedrückt und ich wusste nicht wirklich, worum es geht. Harkaitz Cano ist vor allem im baskisch-, aber auch im spanischsprachigen Raum kein Unbekannter mehr und auch auf Englisch wurden seine Romane schon übersetzt.
In "Twist" geht es um viele Themen und viele Protagonisten. Diego Lazkano war in den 1980ern ein eher unbedeutendes Mitglied der ETA und verriet seine Freunde Soto und Zeberio, ebenfalls Etarra. Die beiden wurden bei lebendigem Leibe (und ja, das basiert auf einer wahren Begebenheit) von Todesschwadronen, finanziert durch die spanische Regierung (bis heute ist der oberste Befehlshaber nicht bekannt) vergraben, nachdem sie lange gefoltert wurden. Auch rund 25 Jahre später wird Lazkano noch von Schuldgefühlen geplagt. Aber wie erwähnt, die ETA ist nur eins von vielen Themen: Verlust und Verrat, Liebe und Freundschaft, Kunst und Literatur, geschickt eingewoben in die baskischen und spanischen Gesellschaftsverhältnisse und erzählt aus mehreren Perspektiven, nicht nur aus Diego Lazkanos Sicht. Der Inhalt ist zu dicht, um ihn in fünf Sätzen angemessen wiedergeben zu können.
Den Roman gibt es leider bisher nicht auf Deutsch, ich habe ihn letzte Woche aber einer Dame in die Hand gedrückt, die daran hoffentlich etwas ändern wird. Bis dahin: Wer dem Spanischen (oder gar Baskischen, die spanische Version ist auch nur eine Übersetzung) mächtig ist, sei dieser komplexe Gesellschaftsroman wärmstens ans Herz gelegt.

5/5


Daniel Kehlmann - Die Vermessung der Welt

Wieder Kehlmann, dieses Mal aber ein ganz anderes Thema als "F": "Die Vermessung der Welt", die Kehlmanns Durchbruch bedeutete, erzählt abwechselnd die Geschichte zweier deutscher Männer, die maßgeblich zum technischen Fortschritt und mehr Wissen auf der Welt beigetragen haben, von Humboldt und von Gauß. Was genau in dem Roman Dichtung und was Wahrheit ist, das mögen andere beurteilen, aber zumindest die Eckdaten stimmen.
Humboldt ist ein aufgeweckter Mann, der in die entlegensten Winkel der Welt reist, um alles, wirklich alles, zu messen und zu vermessen, zu analysieren, zu kartographieren und Proben von allem, wirklich allem (auch Leichen, dient ja der Wissenschaft), einzupacken. Misanthrop Gauß hingegen bewegt sich nur unfreiwillig aus Göttingen beziehungsweise Braunschweig heraus, er hockt lieber Zuhause über seinen Büchern und erfindet die Mathematik neu.
Die wahrhafte Meisterleistung Kehlmanns besteht darin, dass er selbst komplexe physikalische oder mathematische Untersuchungen so leicht verständlich darlegt, dass auch jemand wie ich, fern aller Naturwissenschaften, dem problemlos folgen kann. Was so leicht aussieht, erfordert ein tiefes Verständnis der Materie. In kurzen Kapiteln, deren Dialoge übrigens ausschließlich in indirekter Rede wiedergegeben sind, erzählt Kehlmann die Biographien dieser Männer (die beide übrigens ziemlich alt wurden), vom Vermessen der Welt und Lösen unlösbarer Aufgaben, von Abenteuerlust und Verlust und natürlich auch vom Schicksal des Älterwerdens, wo zum Beispiel Humboldt, alt und berühmt, nicht mehr nach Belieben durch Russland turnen kann, weil weder die Gesundheit es erlaubt noch die unzähligen Kutschen an Interessieren, Fans und Reportern, die ihn auf seiner letzten großen Reise begleiten. Schön geschrieben, witzig erzählt und ein bisschen Geschichte nimmt der Leser bei der Lektüre auch noch mit.

4,5/5


Stephan Thome - Grenzgang

Stephan Thome, ein hessischer Autor, wurde mir von dem Mann empfohlen, der den Schriftsteller an Suhrkamp vermittelte. Den Grenzgang, so verrät Wikipedia, gibt es wirklich: Alle sieben Jahre werden in einem Dorf in Mittelhessen die Grenzen abgelaufen, historisch gesehen, um den Verlauf der Stadtgrenzen zu kontrollieren, heutzutage, um ein, zwei Bierchen zu picheln.
Thome nutzt dieses periodisch stattfindende Fest um das Leben von Kerstin Werner zu erzählen: Beim ersten Grenzgang verliebt sie sich in ihren zukünftigen Mann, auf dem zweiten ist sie bereits Mutter, beim nächsten merkt sie, dass ihr Mann sie betrügt und beim vierten, der am ausführlichsten erläutert ist, sitzt sie arbeitslos mit einer demenzkranken Mutter und einem pubertierenden Sohn in ihrem Haus und weiß nichts mit ihrem Leben anzufangen, bis sie den Lehrer ihres Sohns kennenlernt. Thome schildert die Ereignisse in einer ruhigen, unaufdringlichen Sprache und stellt sie natürlich nicht chronologisch dar (das wäre schnell eintönig), sondern springt zwischen den Jahren hin und her, um langsam die Figur Kerstin Werner näher zu erfassen (und auch der Lehrer bekommt seinen eigenen Handlungsstrang). Das Manko für mich persönlich an dem Roman ist, dass mir die Charaktere durch die Bank ziemlich unsympathisch waren. Natürlich macht es eine gute Geschichte nicht aus, dass alle nett und freundlich seien (im Gegenteil!), aber die etwas grauen Gestalten, die nicht wissen, warum sie in der hessischen Provinz hocken (ja, dann geh doch! Ich wollte da auch nicht sein!), konnten mich nicht wirklich berühren. Trotzdem bin ich überzeugt genug, um definitiv mehr von Stephan Thome zu lesen.

3/5


Daniel Kehlmann - Ruhm

Und weil's so schön war, gleich noch ein Kehlmann. "Ruhm" besteht aus mehreren Kurzgeschichten, die lose miteinander verknüpft sind und die von Identitätssuche berichten. Da ist zum Beispiel der Filmstar, dessen Handynummer durch einen technischen Fehler ein anderer bekommt und der dadurch sämtliche Freunde, Filmangebote und Affären verliert. Das mag unrealistisch sein, darum geht es aber nicht. Am Ende weiß er selbst nicht mehr, ob er wirklich der Schauspieler ist oder nur ein Doppelgänger, der sich das einbildet. 
Die Geschichten an sich sind spannend und auch die lockere Verbindung zu anderen Geschichten in diesem Buch sind geschickt konstruiert. Ich hätte mir nur gewünscht, dass einige Handlungsstränge ausführlicher erläutert worden wären, soll heißen: Die Handlung ist spannend genug, um mehr darüber erfahren zu wollen. Is' aber nicht. Ich habe nichts gegen Erzählungen mit offenem Ende, die den Leser zum Grübeln einladen, aber ein bisschen unbefriedigend war das dann schon.

3/5


Michael Greenberg - Betteln, Borgen, Stehlen

Allein der Untertitel "Aus dem Leben eines Schriftstellers in New York" hat von Beginn an eine hohe Erwartunghaltung in mir geweckt. New York! Im Wandel der Zeit! Schriftsteller! Arm! Authentisch! Auch Biographien (siehe Humboldt und Gauß) oder Autobiographien können spannend wie Romane sein. Bei Michael Greenberg ist das leider nicht der Fall. Er erzählt verschiedene Anekdoten aus mehreren Jahrzehnten seines eigenen Lebens. Die sind teilweise unterhaltsam, teilweise bekommt man auch was vom New York der, sagen wir, 1980er mit, aber irgendwie fehlt da ganz schön viel. Also als Kurzgeschichtensammlung oder als Roman ist das hier nix. Für jemanden, der sich eingehend mit der Person Michael Greenberg beschäftigten muss, ist dieses Buch ein Juwel, aber seien wir ehrlich - wer will das schon? So ist "Betteln, Borgen, Stehlen" ein netter Zeitvertreib, mehr aber auch nicht.

2/5


Jennifer Clement - Gebete für die Vermissten


"In Guerrero fragt sich niemand, ob jemand hinter einem her ist, man weiß, dass sie einen holen kommen, also sieht man zu, dass man das Weite sucht."
Mexiko gehört vom Ruf (und das sicher auch zurecht, auch wenn ich glücklicherweise andere Erfahrungen gemacht habe und genug Leute kenne, die da leben oder gelebt haben und das auch gut) zu den derzeit gefährlichsten Regionen der Welt. Besonders der Kampf gegen die Drogen hat die Situation - ironischerweise - deutlich verschärft. Neben den Grenzgebieten zu den USA, die man nicht als Ausländer oder gar als Frau freiwillig betreten sollte, gibt es andere Regionen, vor denen das Auswärtige Amt warnt, so auch der westliche Bundesstaat Guerrero.
Ladydi (benannt nach der englischen Prinzessin, aber das nur, weil ihre Mutter sich an dem betrügerischen Ehemann rächen wollte) und ihre Freundinnen wachsen auf zwischen Mohnfeldern, Pestiziden, die auf den Dörfern, nicht den Feldern ausgeleert werden, giftigen Tieren, Vätern, die spurlos in die USA abhauen und Männer, die Frauen verschleppen, auf. So lange wie möglich verkleiden Mütter ihre Töchter als Jungs, Nagellack tragen ist tabu und hinter dem Wohnhaus hat jede Familie eine Grube, in der sich die Mädchen verstecken müssen, wenn Gefahr im Anmarsch ist. Trotz dieser Widrigkeiten haben die Mädels eine recht unbeschwerte Kindheit. Das ändert sich, als sie in die Pubertät kommen und tatsächlich eine Freundin entführt wird.
Jennifer Clement hat selbst jahrelang in Mexiko gelebt und sich mit vielen Einwohnern über die Gewalt unterhalten. "Gebete für die Vermissten" ist ein Roman über die Stärke von Frauen (Männer kommen kaum vor und wenn dann nur in alles andere als heldenhaften Rollen). Aber trotz der intensiven Forschung habe ich doch ein paar Punkte zu bemängeln: Das Entsetzen und die Greueltaten werden in meinen Augen nicht erschreckend genug geschildert. Ich brauche natürlich keine Szenen voller Gewalt, Folter oder Beschreibungen von Vergewaltigungen (wirklich, wirklich nicht), aber der Roman wirkt im Großen und Ganzen einfach viel zu harmlos. Wie nebenbei erfahren wir, dass das entführte Mädchen, das ein Jahr später zurückkommt, ein Kind des Drogenbosses bekommen hat. Dass das nicht freiwillig geschehen ist, kann man sich als Leser vorstellen. Und dennoch: zu harmlos, zu harmlos. Und auch Ladydi möchte man manchmal schütteln. Wieso bunkert sie freiwillig eine große Menge an Heroin (auch wenn ihr das von einem Bekannten überreicht wurde)? Jeder weiß, wie idiotisch das ist und eine junge Frau, die so sensibilisiert für das Thema Drogen sein sollte wie Ladydi, würde das doch nicht ernsthaft für längere Zeit machen. Außerdem gibt es zu viele Zeilenumbrüche in dem Roman, gefühlt nach jedem zweiten Satz folgt ein Absatz, das erschwert den Lesefluss.
Generell ist es ein unterhaltsam geschriebener Roman, der sich leicht lesen lässt und für Menschen, die sich noch nicht mit der Thematik Gewalt in Mexiko auseinander gesetzt haben, auch bestimmt spannend. Aber halt zu harmlos, zu harmlos, zu larifari.

2,5/5