Dienstag, 23. September 2014

Was ich las


Harkaitz Cano - Twist

Es passiert selten, dass mich ein Roman überzeugt, von dem ich es nicht schon vorher erwartet habe (wie bei Franzen zum Beispiel). Bei Harkaitz Cano war das der Fall. Das Buch wurde mir in einer Buchhandlung in Barcelona in die Hand gedrückt und ich wusste nicht wirklich, worum es geht. Harkaitz Cano ist vor allem im baskisch-, aber auch im spanischsprachigen Raum kein Unbekannter mehr und auch auf Englisch wurden seine Romane schon übersetzt.
In "Twist" geht es um viele Themen und viele Protagonisten. Diego Lazkano war in den 1980ern ein eher unbedeutendes Mitglied der ETA und verriet seine Freunde Soto und Zeberio, ebenfalls Etarra. Die beiden wurden bei lebendigem Leibe (und ja, das basiert auf einer wahren Begebenheit) von Todesschwadronen, finanziert durch die spanische Regierung (bis heute ist der oberste Befehlshaber nicht bekannt) vergraben, nachdem sie lange gefoltert wurden. Auch rund 25 Jahre später wird Lazkano noch von Schuldgefühlen geplagt. Aber wie erwähnt, die ETA ist nur eins von vielen Themen: Verlust und Verrat, Liebe und Freundschaft, Kunst und Literatur, geschickt eingewoben in die baskischen und spanischen Gesellschaftsverhältnisse und erzählt aus mehreren Perspektiven, nicht nur aus Diego Lazkanos Sicht. Der Inhalt ist zu dicht, um ihn in fünf Sätzen angemessen wiedergeben zu können.
Den Roman gibt es leider bisher nicht auf Deutsch, ich habe ihn letzte Woche aber einer Dame in die Hand gedrückt, die daran hoffentlich etwas ändern wird. Bis dahin: Wer dem Spanischen (oder gar Baskischen, die spanische Version ist auch nur eine Übersetzung) mächtig ist, sei dieser komplexe Gesellschaftsroman wärmstens ans Herz gelegt.

5/5


Daniel Kehlmann - Die Vermessung der Welt

Wieder Kehlmann, dieses Mal aber ein ganz anderes Thema als "F": "Die Vermessung der Welt", die Kehlmanns Durchbruch bedeutete, erzählt abwechselnd die Geschichte zweier deutscher Männer, die maßgeblich zum technischen Fortschritt und mehr Wissen auf der Welt beigetragen haben, von Humboldt und von Gauß. Was genau in dem Roman Dichtung und was Wahrheit ist, das mögen andere beurteilen, aber zumindest die Eckdaten stimmen.
Humboldt ist ein aufgeweckter Mann, der in die entlegensten Winkel der Welt reist, um alles, wirklich alles, zu messen und zu vermessen, zu analysieren, zu kartographieren und Proben von allem, wirklich allem (auch Leichen, dient ja der Wissenschaft), einzupacken. Misanthrop Gauß hingegen bewegt sich nur unfreiwillig aus Göttingen beziehungsweise Braunschweig heraus, er hockt lieber Zuhause über seinen Büchern und erfindet die Mathematik neu.
Die wahrhafte Meisterleistung Kehlmanns besteht darin, dass er selbst komplexe physikalische oder mathematische Untersuchungen so leicht verständlich darlegt, dass auch jemand wie ich, fern aller Naturwissenschaften, dem problemlos folgen kann. Was so leicht aussieht, erfordert ein tiefes Verständnis der Materie. In kurzen Kapiteln, deren Dialoge übrigens ausschließlich in indirekter Rede wiedergegeben sind, erzählt Kehlmann die Biographien dieser Männer (die beide übrigens ziemlich alt wurden), vom Vermessen der Welt und Lösen unlösbarer Aufgaben, von Abenteuerlust und Verlust und natürlich auch vom Schicksal des Älterwerdens, wo zum Beispiel Humboldt, alt und berühmt, nicht mehr nach Belieben durch Russland turnen kann, weil weder die Gesundheit es erlaubt noch die unzähligen Kutschen an Interessieren, Fans und Reportern, die ihn auf seiner letzten großen Reise begleiten. Schön geschrieben, witzig erzählt und ein bisschen Geschichte nimmt der Leser bei der Lektüre auch noch mit.

4,5/5


Stephan Thome - Grenzgang

Stephan Thome, ein hessischer Autor, wurde mir von dem Mann empfohlen, der den Schriftsteller an Suhrkamp vermittelte. Den Grenzgang, so verrät Wikipedia, gibt es wirklich: Alle sieben Jahre werden in einem Dorf in Mittelhessen die Grenzen abgelaufen, historisch gesehen, um den Verlauf der Stadtgrenzen zu kontrollieren, heutzutage, um ein, zwei Bierchen zu picheln.
Thome nutzt dieses periodisch stattfindende Fest um das Leben von Kerstin Werner zu erzählen: Beim ersten Grenzgang verliebt sie sich in ihren zukünftigen Mann, auf dem zweiten ist sie bereits Mutter, beim nächsten merkt sie, dass ihr Mann sie betrügt und beim vierten, der am ausführlichsten erläutert ist, sitzt sie arbeitslos mit einer demenzkranken Mutter und einem pubertierenden Sohn in ihrem Haus und weiß nichts mit ihrem Leben anzufangen, bis sie den Lehrer ihres Sohns kennenlernt. Thome schildert die Ereignisse in einer ruhigen, unaufdringlichen Sprache und stellt sie natürlich nicht chronologisch dar (das wäre schnell eintönig), sondern springt zwischen den Jahren hin und her, um langsam die Figur Kerstin Werner näher zu erfassen (und auch der Lehrer bekommt seinen eigenen Handlungsstrang). Das Manko für mich persönlich an dem Roman ist, dass mir die Charaktere durch die Bank ziemlich unsympathisch waren. Natürlich macht es eine gute Geschichte nicht aus, dass alle nett und freundlich seien (im Gegenteil!), aber die etwas grauen Gestalten, die nicht wissen, warum sie in der hessischen Provinz hocken (ja, dann geh doch! Ich wollte da auch nicht sein!), konnten mich nicht wirklich berühren. Trotzdem bin ich überzeugt genug, um definitiv mehr von Stephan Thome zu lesen.

3/5


Daniel Kehlmann - Ruhm

Und weil's so schön war, gleich noch ein Kehlmann. "Ruhm" besteht aus mehreren Kurzgeschichten, die lose miteinander verknüpft sind und die von Identitätssuche berichten. Da ist zum Beispiel der Filmstar, dessen Handynummer durch einen technischen Fehler ein anderer bekommt und der dadurch sämtliche Freunde, Filmangebote und Affären verliert. Das mag unrealistisch sein, darum geht es aber nicht. Am Ende weiß er selbst nicht mehr, ob er wirklich der Schauspieler ist oder nur ein Doppelgänger, der sich das einbildet. 
Die Geschichten an sich sind spannend und auch die lockere Verbindung zu anderen Geschichten in diesem Buch sind geschickt konstruiert. Ich hätte mir nur gewünscht, dass einige Handlungsstränge ausführlicher erläutert worden wären, soll heißen: Die Handlung ist spannend genug, um mehr darüber erfahren zu wollen. Is' aber nicht. Ich habe nichts gegen Erzählungen mit offenem Ende, die den Leser zum Grübeln einladen, aber ein bisschen unbefriedigend war das dann schon.

3/5


Michael Greenberg - Betteln, Borgen, Stehlen

Allein der Untertitel "Aus dem Leben eines Schriftstellers in New York" hat von Beginn an eine hohe Erwartunghaltung in mir geweckt. New York! Im Wandel der Zeit! Schriftsteller! Arm! Authentisch! Auch Biographien (siehe Humboldt und Gauß) oder Autobiographien können spannend wie Romane sein. Bei Michael Greenberg ist das leider nicht der Fall. Er erzählt verschiedene Anekdoten aus mehreren Jahrzehnten seines eigenen Lebens. Die sind teilweise unterhaltsam, teilweise bekommt man auch was vom New York der, sagen wir, 1980er mit, aber irgendwie fehlt da ganz schön viel. Also als Kurzgeschichtensammlung oder als Roman ist das hier nix. Für jemanden, der sich eingehend mit der Person Michael Greenberg beschäftigten muss, ist dieses Buch ein Juwel, aber seien wir ehrlich - wer will das schon? So ist "Betteln, Borgen, Stehlen" ein netter Zeitvertreib, mehr aber auch nicht.

2/5


Jennifer Clement - Gebete für die Vermissten


"In Guerrero fragt sich niemand, ob jemand hinter einem her ist, man weiß, dass sie einen holen kommen, also sieht man zu, dass man das Weite sucht."
Mexiko gehört vom Ruf (und das sicher auch zurecht, auch wenn ich glücklicherweise andere Erfahrungen gemacht habe und genug Leute kenne, die da leben oder gelebt haben und das auch gut) zu den derzeit gefährlichsten Regionen der Welt. Besonders der Kampf gegen die Drogen hat die Situation - ironischerweise - deutlich verschärft. Neben den Grenzgebieten zu den USA, die man nicht als Ausländer oder gar als Frau freiwillig betreten sollte, gibt es andere Regionen, vor denen das Auswärtige Amt warnt, so auch der westliche Bundesstaat Guerrero.
Ladydi (benannt nach der englischen Prinzessin, aber das nur, weil ihre Mutter sich an dem betrügerischen Ehemann rächen wollte) und ihre Freundinnen wachsen auf zwischen Mohnfeldern, Pestiziden, die auf den Dörfern, nicht den Feldern ausgeleert werden, giftigen Tieren, Vätern, die spurlos in die USA abhauen und Männer, die Frauen verschleppen, auf. So lange wie möglich verkleiden Mütter ihre Töchter als Jungs, Nagellack tragen ist tabu und hinter dem Wohnhaus hat jede Familie eine Grube, in der sich die Mädchen verstecken müssen, wenn Gefahr im Anmarsch ist. Trotz dieser Widrigkeiten haben die Mädels eine recht unbeschwerte Kindheit. Das ändert sich, als sie in die Pubertät kommen und tatsächlich eine Freundin entführt wird.
Jennifer Clement hat selbst jahrelang in Mexiko gelebt und sich mit vielen Einwohnern über die Gewalt unterhalten. "Gebete für die Vermissten" ist ein Roman über die Stärke von Frauen (Männer kommen kaum vor und wenn dann nur in alles andere als heldenhaften Rollen). Aber trotz der intensiven Forschung habe ich doch ein paar Punkte zu bemängeln: Das Entsetzen und die Greueltaten werden in meinen Augen nicht erschreckend genug geschildert. Ich brauche natürlich keine Szenen voller Gewalt, Folter oder Beschreibungen von Vergewaltigungen (wirklich, wirklich nicht), aber der Roman wirkt im Großen und Ganzen einfach viel zu harmlos. Wie nebenbei erfahren wir, dass das entführte Mädchen, das ein Jahr später zurückkommt, ein Kind des Drogenbosses bekommen hat. Dass das nicht freiwillig geschehen ist, kann man sich als Leser vorstellen. Und dennoch: zu harmlos, zu harmlos. Und auch Ladydi möchte man manchmal schütteln. Wieso bunkert sie freiwillig eine große Menge an Heroin (auch wenn ihr das von einem Bekannten überreicht wurde)? Jeder weiß, wie idiotisch das ist und eine junge Frau, die so sensibilisiert für das Thema Drogen sein sollte wie Ladydi, würde das doch nicht ernsthaft für längere Zeit machen. Außerdem gibt es zu viele Zeilenumbrüche in dem Roman, gefühlt nach jedem zweiten Satz folgt ein Absatz, das erschwert den Lesefluss.
Generell ist es ein unterhaltsam geschriebener Roman, der sich leicht lesen lässt und für Menschen, die sich noch nicht mit der Thematik Gewalt in Mexiko auseinander gesetzt haben, auch bestimmt spannend. Aber halt zu harmlos, zu harmlos, zu larifari.

2,5/5

Montag, 22. September 2014

Home Ramen

Pfingstweidstraße 12, U-Bahn: Zoo
Öffnungszeiten: Mo-Fr 11:30-15:00, 17:30-22:30, Sa&So 11:30-22;30
Homepage


Das Home Ramen punktet von außen nicht gerade mit optischer Schönheit, aber andererseits geht das rund um den Zoo allen Gebäuden so.
Da die Auswahl der vegetarischen Ramen (japanischer Nudeln) gering ist - soll heißen, es gibt genau ein Gericht -, fällt die Wahl nicht schwer und ich nehme besagte Vegi Ramen (6,50 €). Die freundliche und unaufdringliche Kellnerin serviert nach kurzer Wartezeit einen riesigen Pott Ramen und ein Sammelsurium an zusätzlichen Gewürzen, die aber gar nicht von Nöten sind. Andere können mit Stäbchen essen, ich nehme den für das europäische Auge sehr skurril geformten Löffel und kämpfe mich durch. Die Brühe ist kräftig, das Gemüse gar und die Ramen schmackhaft - Preis/Leistung stimmt und in der Tat reich eine "Suppe" aus, um schön satt zu werden.



Ist mehr, als es aussieht!

Montag, 8. September 2014

Impressionen von BrückenWall

Vegan mit Fleisch: Die Melonenlimo von x wie raus

70er-Jahre Kram bei No. 2 Records

 Books in da Hood



Am frühen Nachmittag war's noch angenehm leer


Vorm Canpire-Store

Proletariat

Bierauswahl beim naiv

Sonntag, 7. September 2014

Frankfurter Garten: Fair-Teiler


Hui, da hat sich ganz schön was getan im Frankfurter Garten in Sachen Umbau und Erweiterung, wobei ich auch zugeben muss, dass ich wirklich (zu) lange nicht mehr da war. Neueste Neuerung: Seit gestern gibt es den Fair-Teiler, in den man noch verwertbare Lebensmittel legen kann anstatt sie wegzuwerfen (Regeln s.u.), also das gleiche Prinzip wie bei den Bücherschränken, der Givebox oder der Foodsharing Frankfurt-Gruppe in Facebook. Heute war der Fair-Teiler zwar noch leer, aber das ändert sich bestimmt bald! Ich freue mich darüber, dass es in Frankfurt immer mehr soziale Initiativen wie eben diese gibt und dass die auch zu funktionieren scheinen.

Jeder, der Lebensmittel übrig hat, kann sie zum Fair-Teiler bringen, damit sich andere bedienen können. ShoutOutLoud – Changing the World Step by Step e.V. (www,shoutoutloud.eu), Foodsharing (www.foodsharing.de) und der Frankfurter Garten wollen mit dem Fair-Teiler einen kleinen Beitrag zur Vermeidung von Lebensmittelverschwendung leisten. Denn 30 Prozent aller Lebensmittel landen im Müll. Damit soll nun Schluss sein.

Quelle: Facebookseite des Frankfurter Gartens