Sonntag, 31. Juli 2011

Take That. Fortschritt. Die Reunion. Der letzte Abend.

Um von vornerein mit einem nach wie vor gängigen Klischee aufzuräumen: Das Publikum bestand nicht aus kreischenden Teenies, der Altersdurchschnitt bestrug viel mehr schätzungsweise 35 Jahre; desweiteren waren auffallend viele Männer (nein, nicht nur Schwule) anwesend, die größtenteils die 40 sogar lange hinter sich gelassen hatten.
Und da wären wir nun, ein Jahr nach der Verkündung von Robbie Williams langersehnten Comback, auf dem bereits letzten Konzert der endgültigen Wiedervereinigungstour unserer geliebten Take Thattern. Das beeindruckende Münchner Olympiastadion lieferte hierfür das perfekte Setting und transportierte die Atmosphäre gut.
Über 68.000 Fans waren an diesem Abend gekommen. Alles war perfekt geplant und durchdacht. Die Bühne, die von einer überdimensionalen Figur überwacht wurde, hatte wie gewohnt einen Steg in die Mitte des Publikums und selbst die Trinkbecher zierte die Konterfei der Jungs. Auch das Wetter spielte mit: Obwohl der Himmel durchgehend bewölkt war, fiel kein einziger Regentropfen.
Die Vorgruppe, keine geringere als die Pet Shop Boys, kam kurz nach 19 Uhr auf die Bühne und spielte in ihrem dreiviertelstündigen Set alle großen Hits wie "Go West", "It's a Sin" und "West End Girls". Die Resonanz des Publikums war zwar positiv, aber doch recht verhalten.
Danach hieß es noch einmal eine halbe Stunde warten, bis sie endlich nach Ablauf eines eingeblendeten zwei-Minuten-Countdowns, auf die Bühne kamen: Gary Barlow, Howard Donald, Jason Orange und Mark Owen, jedoch noch ohne Robbie himself. Als erstes wurden neuere, aber noch pre-Robbie aufgenommene Songs wie "Rule the World" oder "Patience" gesungen. Dazu kamen die buntesten Fabelwesen, die stark an "Alice in Wunderland" erinnerten, auf die Bühne. Mark liess es sich nicht nehmen, bei seinem Song "Shine" auf einer lila Riesenraupe zu reiten, was hie und da doch ein amüsiertes Stirnrunzeln verursachte. Für noch mehr Irritationen sorgte er dann, als er mit der Ankündigung, sie hätten dies in allen besuchten Ländern der Tour so gehandhabt, die Zuschauer aufforderte, die eigene Nationalhymne anzustimmen. Zögerlich und recht leise, aber doch erstaunlich textsicher kam das Publikum dieser Bitte nach.
Nach dieser halben Stunde Showeinlage hatte das Warten ein Ende. Das dank seiner erfolgreichen Solokarriere beliebteste Member der Gruppe, der einst abtrünnige Robbie Williams, hatte seinen großen Auftritt. Genau wie seine Kollegen zuvor spielte auch er dreißig Minuten lang seine eigenen Lieder, angefangen mit "Let me entertain you" über "Rock DJ" zu "Come undone". Das tobende Publikum bewies durch ihren Empfang, dass die Mehrheit der Zuschauer in der Tat auf ihn gewartet hatten.
Zwischen seinen Songs machte er seinem Ruf als Entertainer alle Ehre. Wohlwissend um seine Sonderstellung schaffte er mehr noch als Take That zuvor, das Publikum anzuheizen und unterhalten. Obszöne wie eigenen Drogenkonsum andeutende Gesten durften dabei genauso wenig fehlen wie zahlreiche Fluche, die allerdings nicht annähernd so schlimm oder häufig waren, wie von der britischen Presse dargestellt worden war. Für Lacher sorgten verschiedenste Showeinlagen, wie zum Beispiel das Zeigen auf verschiedene Fans: "Ich liebe dich.. ich liebe dich... no, not you! ..." Und wie es sich für einen Robbie Williams gehört, hielt er seinen blanken Hintern in die Kamera, nur um daraufhin Beyoncés "Bootylicious" anzustimmen und forderte die Leute wiederholt auf Deutsch auf: "Zieh dich aus, zieh dich aus!" Anders als seine Bandmitglieder band er die ihn verfolgenden Kameras in seine Lieder mit ein und flirtete mit ihr.Verständlich, dass bei soviel Unterhaltung und natürlicher Bühnenpräsenz das Publikum am Ausrasten war.
Gänsehaut verursachte dann Robbies letztes Lied, das das ganze Stadion noch lauter als die vorherigen mitsang. "Angels", gesungen mit einer Hingabe, die jedem einzelnen unter die Haut ging.
Dann konnten wir sie endlich wieder alle zusammen geniessen. Vereint performte die Band ihre aktuellsten Hits wie "The Flood", "SOS" oder "Kidz", wobei Robbie im Vergleich zu seinen eigenen Liedern und seiner Einzelshow doch ein bißchen der Elan fehlte. Dennoch war die gute Stimmung und Freude über diese gelungene Tour allen Fünf deutlich anzumerken.
Die pompäse, fast schon megalomanisch wirkende Bühnenshow war gerade auf Grund ihrer Übertriebenheit dank eines gehörigen Schußes Selbstironie unglaublich bombastisch. Im Verlauf des Abends kam man in den Genuß von Feuerfontänen und in die Luft geschossenen Goldpartikeln, von beständig auf der mittleren Leinwand eingeblendeten animierten Videos, von zahlreichen Akrobaten und Tänzern, verkleideten Akteuren und einer riesenartigen Robotorfigur, die sich gegen Ende sogar bewegte und in die Inszenierung eingebunden wurde. Nicht zu vergessen sind die vielen verkleideten Akteure, die in verschiedenen Kostümen bei mehreren Songs zu sehen waren. Auch einen Menschen wie mich, wo ich sonst eher auf minimalistische bis hin zu gar keiner Show stehe, konnte eben diese mich doch fesseln und in Staunen versetzen.
Auch die Jungs trugen dazu bei. Mal liessen sich einige von ihnen auf thronähnlichen Stühlen von den anderen besingen, dann initiierte Robbie im Stadion eine "mexican wave", was sich als Laola-Welle herausstellte, und einmal wurde Mark in einer Singpause für ihn (beabsichtigt oder zufällig?) beim Essen einer Banane gefilmt. Jason und Howard durften ihre athletischen Fähigkeiten bei einer Art Tanzbattle unter Beweis stellen, später übertrumpft von Jason selbst, der als einstiger Breakdancer beeindruckende Moves vorführte. Dass die beiden schon über 40 sind, merkte man ihnen dabei nicht an. Natürlich durften auch ein paar der typischen Take That-Choreographien als Art Relikt oder Hommage an die Vergangenheit nicht fehlen, doch im Vergleich zur restlichen Bühnenshow oder früheren Konzerten aus den 90ern wurde damit sparsam umgegangen.
Nach über anderthalb Stunden Programm ging es dann ans Eingemachte. Mit erneut entwaffnender Selbstironie sprangen die fünf Männer in die Luft, um das Plattencover ihres ersten Albums, "Take That and Party", darzustellen. Kurz wurden die ersten, für heutige Ohren höchstgradig peinlich klingende Hits wie der Titelsong zu "Take That and Party" oder "Do what you like" angespielt. Letzteren Song sang Gary, wie er betont "for the last time" in seinem Leben. Lied und vor allem das Musikvideo dazu, das den Begriff "fremd schämen" komplett neu definieren, wurden auch von Jason auf die Schippe genommen, der einige der damligen Tanzbewegungen andeutet. Danach wurden die Jungs wieder ernster und stimmten ein Medley alter Hits an. Die Songs von Take That 1.0 begeisterten das Publikum auch deutlich stärker als die meisten der neuen Lieder. Als kleinen, einstudierten Witz stießen die Take Thatter auf den Abend an – Gary, Jason und Howard mit Rotwein, die trockenen Alkoholiker Mark und Robbie mit Milch. Und da wir uns ja in München befanden, wurden die Getränke stilecht in bayrischen Maßgläsern gereicht.
In der Medley sang Robbie den Refrain seines "Could it be Magic", dann setzte Gary sich ans Piano und spielte seine Ballade "A Million Love Songs", die er einst im zarten Alter von 15 Jahren verfasst hatte. Laut mitgesungen wurde dann auch bei Marks "Babe", gefolgt von "Everything changes". Das erfolgreichste und bekannteste Lied der Gruppe, "Back for good", spielten sie glücklicherweise komplett aus. Anders als in früheren Shows verzichtete man hier aber auf den fast schon obligatorischen Kunstregen. "Pray" und die Hymne "Never forget" läuteten das Ende der Nacht ein.
Als Zugabe sangen Jason, Robbie, Mark, Howard und Gary akkustisch ein Stück von Robbies Lied "No regrets". Ein schöner Zug, da dieses Lied ja eigentlich eine Art Abrechnung mit Take That gewesen war. Dann ging es spektakulär weiter mit "Relight my Fire", bei dem Robbie den ursprünglich von Lulu gesungenen Part übernahm.
Den endgültigen Abschluß markierte die Ballade "Eight Letters" ihrer neuesten Platte "Progress". Alle Bandmitglieder verliessen den Steg und liefen, ihnen die Hände reichend und Geschenke entgegennehmend, an ihren Fans vorbei um schlußendlich nach einem beinahe 150 Minuten langen Konzert auf der Hauptbühne gebührend gefeiert verabschiedet zu werden.
Eine spektakuläre Show (laut Mark arbeiteten hinter der Bühne rund 300 Personen, um diese zu realisieren) und eine überaus erfolgreiche Tour mit mehr als 1,6 Millionen Besuchern (allein das Londoner Wembley Stadion war sage und schreibe acht Mal hintereinander ausverkauft!) mit fünf Männern, die auch 20 Jahre nach Bandgründung nichts von ihren sympathischen Wesen verloren haben, sind somit vorbei.
Die Kamera filmt zuletzt unter den Münchner Fans eine Frau, die ein bißchen nach 90er Jahre Manier in Tränen ausbricht. Es wird vermutlich die letzte Show der Fünf zusammen sein. Dies haben sie im Verlauf des Abends auch öfters angedeutet. Der frisch verheiratete Robbie möchte eine Familie gründen und denkt über eine etwaige Fortsetzung seiner Solokarriere nach. Aber bei ihm weiß man ja nie, da er immer wieder für eine Überraschung gut ist.
Dieses fulminante Finale wird allen Zuschauern im Olympiastadion noch lange im Gedächtnis bleiben. Für Partylustige ging es danach noch weiter: Howard, der sich in den Take That freien Jahren gerade in Deutschland als House DJ eine beachtliche Fanbase aufgebaut hatte, legte danach im Münchner Club "Pacha" auf.
Robbie hat auf dieser Tournee die Bestätigung bekommen, dass er trotz einiger Flops in den letzten Jahren immer noch ein absoluter Superstar ist. Und obwohl diese abgefahrene Bühnenshow gar nicht nötig gewesen wäre, konnte man doch sehen, mit welcher Freude die Jungs zusammen auf der Stage stehen und wie natürlich sie dabei trotz einstudierter Schritte und Jokes doch wirken.
Vielen Dank für den schönen Abend. Seien wir gespannt, was die Zukunft noch bringt.